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„Zukunft braucht Herkunft" – unter diesem Motto lädt der Landeswettbewerb Alte Sprachen jährlich dazu ein, sich tüftelnd, kreativ, übersetzend und interpretierend mit den sprachlichen und kulturellen Grundlagen Europas zu befassen. Hauptintention der Elisabeth- J.- Saal-Stiftung, die den Landeswettbewerb der alten Sprachen ausrichtet und finanziell federführend zusammen mit der Eleonora-Schamberger-Stiftung unterstützt, ist die Förderung der Humanistischen Bildung. Möglich ist das Großprojekt mit bayernweit im aktuellen Durchgang 1072 Teilnehmenden nur „ministerio adiuvante“, d.h. mit der tatkräftigen Unterstützung des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus.

Johannes Megele vom Albertus-Magnus-Gymnasium hat sich mit außerordentlichen Leistungen beim 38. Landeswettbewerb gegen eine sehr große und zudem sehr starke Konkurrenz durchgesetzt und ist ins Finale eingezogen.

Landeswettbewerb Alte Sprachen 1
Foto: privat

Sic cum inferiore vivas, quemadmodum tecum superiorem velis vivere.
– Mögest du so mit einem niedriger Gestelltem leben, wie du dir wünschst, dass ein höher Gestellter mit dir umgeht!“
Senecas Satz aus seinem 47. Brief, der in nuce den Anspruch humanistischer Bildung ausdrückt, umschreibt ein zentrales Thema der ersten Runde, nämlich das soziale Miteinander in einer Gesellschaft.

Johannes musste zunächst einen inhaltlich anspruchsvollen Ausschnitt einer Papst-Enzyklika übersetzen.

In dem Text äußerte sich der verstorbene Papst Franziskus über den Wert des menschlichen Individuums sowie die Notwendigkeit der Menschenrechte und ihre unbedingte Gültigkeit unabhängig von Person, Herkunft, Besitz oder Ansehen – insbesondere im Hinblick auf das soziale Miteinander. Ein Text, der in Zeiten gesellschaftlicher Spaltung, schwindender Empathie mit Benachteiligten und wachsendem Sozialneid aktueller nicht sein könnte. Doch mit der bloßen Übersetzung ist es in diesem höchst anspruchsvollen Wettbewerb nicht getan. So beschäftigten sich die Teilnehmenden in einem Aufgabenteil auch noch mit Sentenzen zum Thema Recht und Menschlichkeit, analysierten kritisch einen Text von Karl dem Großen zur Religionsfreiheit und zeigten schließlich auch noch aktive Sprachbeherrschung, indem sie ein lateinisches Motto für ihre Schule kreierten zum Thema „Recht auf Bildung“ und so wieder die Brücke in die Gegenwart schlugen.

Die 50 besten Teilnehmer der ersten Runde setzen sich dann Anfang Oktober 2025 in der zweiten Runde in einer weiteren Klausur mit einem antiken Text auseinander, der anhand von Leitfragen interpretiert und durch Bearbeitung einer kreativen Aufgabenstellung rezipiert werden sollte. In dem vorgelegten Ausschnitt aus Ovids Tristien erinnert sich der von Kaiser Augustus verbannte Dichter Ovid an die Umstände seiner Reise ins Exil nach Tomis am Schwarzen Meer. Verlust der Heimat, Verlust der Familie, ein Fremder unter Fremden – Ovids Gefühle dereinst dürften sich nur wenig unterschieden haben von den Gefühlen der Menschen der heutigen Zeit, die aus welchen Gründen auch immer gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen. Johannes Megele überzeugte mit einer philologisch messerscharfen Interpretation, doch auch mit einem hohem Potenzial an Kreativität im B-Teil im Rahmen einer Aufgabenstellung, die einen Leserbrief oder einen Beitrag für einen Podcast oder einen Social Media-Thread aus der Perspektive einer Person forderte, die sich wie Ovid gezwungen sah, ihre Heimat zu verlassen. Als Material standen den Schülerinnen und Schülern Gedichte bekannter Autorinnen wie Hannah Arendt und Mascha Kaléko zur Verfügung sowie aktuelle Lyrik von Flüchtenden wie Mariia Kaziun und Hassan Al Hamad.

Der Himmel, die Luft, die Erde unter den Füßen,
alles ist jetzt anders,
nicht wie zu Hause, wo ich nicht mehr bin.
Hier bin ich nicht von meiner Sprache umgeben,
hier halte ich nicht die Hrywnja in den Händen, sondern den Euro.
Die Kastanien sind anders hier.
Die verzweifelte Liebe zur Heimat ist so einfach, so schnell zu verstehen,
sobald man weggegangen ist.
(Mariia Kaziun (2004): Studentin aus der Ukraine; wohnhaft seit 2023 in Berlin; Quelle: The Poetry Project & PEN Berlin (Hrsg.), Sei neben mir und sieh, was mir geschehen ist, Berlin 2024, S. 198.)

Auch diese Aufgabe meisterte das Ausnahmetalent des Albertus-Magnus-Gymnasiums hervorragend und stand so im Finale, das traditionsgemäß in den heiligen Hallen des Kultusministeriums ausgetragen wurde. Die besten zehn Teilnehmenden der zweiten Wettbewerbsrunde wurden schließlich zu einem Prüfungsgespräch eingeladen: Die dritte Runde bestand aus einem Kolloquium mit Vertretern der Universität und des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus. Auch hier schlug sich Johannes sehr gut und wurde schließlich mit einem schönen Geldpreis belohnt.

Die Ehrung der Finalistinnen und Finalisten fand am Staatsministerium für Unterricht und Kultus im sogenannten alten Ministergang in sehr feierlichem Rahmen statt. Auch Teilnehmende früherer Jahre gaben sich persönlich oder per Videoeinspielung die Ehre und lobten die Zeitlosigkeit der Beschäftigung mit den alten Sprachen. StDin Michaela Weigl, die zusammen mit OStD Dr. Christoph Reichardt der Elisabeth-Saal-Stiftung vorsitzt, fasste alle Aussagen der Ehemaligen sehr treffend zusammen: „Diese Statements bilden ab, was wir uns von Humanistischer Bildung versprechen: Sprachlich-formale Bildung, Schulung des logisch-analytischen Denkens, Sinn für literarisch hochwertige Texte, Interpretationsfähigkeit gegenüber ihren Inhalten - sowie Diskursfähigkeit durch Rhetorik und Dialektik, ein Grundgerüst an Sprach-, Literatur- und Geistesgeschichte, auch Kunstgeschichte, Philosophie und Staatsphilosophie, an grundsätzlichen menschlichen Fragestellungen „Was ist der Mensch?“, an Grundstrukturen der Gesellschaft „Wie sollen wir zusammenleben?“ und philosophischen Denkmodellen, die all das vertiefen. Das sind die Grundstrukturen, die die Wurzeln Europas bedeuten, deren Kenntnis den Geist nicht nur schult um der Gelehrsamkeit willen, sondern Mittel ist, um die Gegenwart und die Zukunft zu gestalten, ausgestattet mit der Fähigkeit zu kritischem Denken und Entscheiden.“

Landeswettbewerb Alte Sprachen 2
Foto: privat

Landeswettbewerb Alte Sprachen 3
Foto: privat

Die Ehrung selbst wurde von Ministerialdirigent Dr. Wolfgang Mutter vorgenommen, der sich als Fan der Alten Sprachen outete und deren Zeitlosigkeit lobte. Schwer beeindruckt zeigte er sich von den Leistungen der Finalteilnehmer. „Gerade in Zeiten von KI und Informationsflut stärkt humanistische Bildung die Fähigkeit, kritisch zu denken und Orientierung zu gewinnen. Unsere Finalistinnen und Finalisten haben in drei anspruchsvollen Wettbewerbsrunden eindrucksvoll unter Beweis gestellt, wie sicher sie die Alten Sprachen beherrschen, und dabei beeindruckende Brücken in die Gegenwart geschlagen. Herzlichen Glückwunsch zu dieser herausragenden Leistung!“ Johannes Megele wird sowohl den Wettbewerb als auch die Alten Sprachen in bester Erinnerung behalten, versicherte er auf Nachfrage von Herrn Dr. Reichardt. Er ist sich sicher, sich damit ein Basis für jedwedes kommende Berufsfeld gelegt zu haben, und empfiehlt Latein allen Neuankömmlingen am Gymnasium. Johannes‘ kleiner Bruder wird im nächsten Jahr am Albertus-Magnus-Gymnasium wieder in der fünften Klasse mit Latein beginnen. Der Nachwuchs steht also schon in den Startlöchern.

Karin Kemmeter