Seit Jahrhunderten bestehen zwischen Bayern und Griechenland besondere Beziehungen: Als nach den Unabhängigkeitskriegen Griechenlands gegen das osmanische Reich ein Machtvakuum entstanden war, entschieden sich die Alliierten aus Frankreich, Russland und Großbritannien, dem 16 Jahre jungen Prinzen Otto von Bayern 1832 die Königswürde über Griechenland anzutragen. Als Sohn Ludwigs I. von Bayern, des glühenden Philhellenen, der in München ganz dem Geiste des Neuhumanismus und Klassizismus verpflichtet ein "Athen an der Isar" (u.a. den Königsplatz mit den Propyläen, der Glyptothek und Antikensammlung) gestaltete und nicht zuletzt Regensburg mit der Walhalla oder Kelheim mit der Befreiungshalle bedachte, war es nun an ihm, zwischen den Interessen der Alliierten und denen der Griechen zu moderieren.

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Diese historisch-kulturelle Affinität der Bayern zu den Griechen spiegelt sich auch darin wider, dass in Bayern die bundesweit meisten Schülerinnen und Schüler Altgriechisch lernen, wodurch sie bis zu den Wurzeln unserer europäischen Kultur vordringen und sich anhand von griechischen Originaltexten mit Grundfragen der menschlichen Existenz auseinandersetzen, die für die Persönlichkeitsentwicklung eines jungen Menschen von unschätzbarem Wert sind, weil sie im wahrsten Sinne des Wortes Persönlichkeitsbildung provozieren. Etwa ein Drittel der Schüler auf Kreta lernt nach wie vor Deutsch.

Diese Verbindung gerade vor dem Hintergrund der Griechenlandkrise ins Gedächtnis zu rufen, ist Ziel des bayerischen Staatsministeriums, dem es zusammen mit der Stiftung Palladion zu verdanken ist, dass es im Rahmen des Kooperationsprojektes "Griechenland – damals und heute" in diesem Schuljahr bereits zum zweiten Mal möglich war, eine Austauschmaßnahme mit dem 1. Gymnasium auf Kreta durchzuführen. Die großzügige Bereitstellung von Zuschüssen für die Austauschmaßnahmen sowie die fürsorgliche Vermittlung der Partnerschule durch Frau Dr. Vassilia Triarchi-Herrmann (ISB) ermöglichten es den Schülern der 8.-10 Jahrgangsstufe, die Altgriechisch gewählt haben, den alten wie den "neuen" Griechen in der Wiege Europas auf Kreta nachzuspüren. Dass eine Austauschmaßnahme weit darüber hinaus geht, theoretisches Wissen vor Ort in den Ausgrabungsstätten zu sehen, zeigen die Eindrücke, die die Schülerin Emilia von Fumetti nachfolgend in ihrem Erlebnisbericht festgehalten hat. Sich in das Fremde einzufühlen, sich zu arrangieren und gegenseitig respektieren zu lernen, eigene und fremde Verhaltensmuster zu reflektieren und verstehen zu lernen, ist von unschätzbarem Wert und hilft – nicht zuletzt in der oft einseitig ökonomisch geführten Diskussion um die "Griechenland-Krise" –, Ressentiments abzubauen und sich des freiheitlichen und weltoffenen europäischen Gedankens, der seinen Anfang im antiken Griechenland nimmt, bewusst zu werden und diesen zu pflegen und gestalten zu wollen.

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André Löffler