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Am Montag, dem 25.7.2016, starteten alle fünf 10. Klassen zur mittlerweile etablierten Studienfahrt, die wie jedes Jahr vor allem im Zeichen der neueren Geschichte und als Ergänzung des Sozialkundeunterrichts stattfand.

Kaum in Berlin angekommen besuchten die Klassen 10a und 10c ein unterhaltsames Theaterstück im malerischen Monbijou-Freilichttheater. Das Frühwerk "Die Mitschuldigen" von J.W. von Goethe bestätigte keineswegs die Befürchtungen mancher Schüler, dass sie sich hier am ersten Abend mit einem staubtrockenen Klassiker auseinandersetzen müssten. Im Gegenteil: Die temporeich und witzig inszenierte Darbietung der Schauspieler wurde mit frenetischem Applaus belohnt und viele ließen sich gar zu der Bemerkung hinreißen, dass dies das beste Stück sei, das sie je gesehen hätten. Eine Aussage, die wohl einiges Gewicht hat.

Am nächsten Tag stand beiden Klassen der Bus zur Verfügung und so konnten wir schon um 9.30 Uhr eine interessante Führung durch die ehemalige Stasizentrale erleben. Die Schüler erfuhren viele wissenswerte, aber auch erschreckende Details aus der Tätigkeit der ehemaligen Staatssicherheit der DDR. Die flächendeckende Bespitzelung der Menschen durch ihren eigenen Staat erschien vielen absurd und die Methoden manchmal obskur - so z. B. ein scheinbar simples Datenblatt, über das man aber über gestanzte Löcher 120 Personenmerkmale speichern konnte. Ob allerdings jeder sich Gedanken darüber machte, wie viele persönliche Daten er selbst täglich von sich im Internet mit einem Klick preisgibt?

Auch der Rundgang durch Erich Mielkes ehemalige Büroräume und die Hintergrundinformationen zum ehemaligen Chef der Stasi brachten viele Schüler zum Nachdenken. Gleich im Anschluss daran ging es für die beiden Klassen - thematisch sehr passend - weiter zum ehemaligen Stasiuntersuchungsgefängnis Hohenschönhausen. Hier besuchten alle Schüler der 10. Klassen fast zeitgleich, aufgeteilt in verschiedene Gruppen, Führungen durch die ehemaligen Zellentrakte und Verhörräume. Die Führungen, die zum Teil von Zeitzeugen, also ehemaligen Häftlingen, und zum Teil von Historikern geleitet wurden, hinterließen einen tiefen Eindruck. Die Schüler erfuhren viel über psychologische Verunsicherungs- und Zermürbungstaktik in der Untersuchungshaft, über den menschenverachtenden Umgang mit den Gefangenen durch die Stasi, aber ebenso auch über ihr Selbstverständnis und ihre Rechtfertigungsstrategien nach dem Fall der Mauer.

Nach diesem beeindruckenden Erlebnis ging es weiter an den Wannsee, der bei strahlendem Sonnenschein und tiefblauem Wasser einen starken Kontrast bot zum nächsten Programmpunkt dieses Tages: dem Haus der Wannseekonferenz. Kaum vorstellbar, dass vor dieser idyllischen Kulisse in nur 90 Minuten die systematische Vernichtung von 11 Millionen Juden beschlossen wurde. Auch diese Ausstellung dokumentiert detailreich und anschaulich eine der dunkelsten Phasen der deutschen Geschichte. Hinter der lapidaren Einladung zu einer "kurzen Besprechung mit anschließendem Frühstück" verbirgt sich die Planung des Genozids an der jüdischen Bevölkerung Europas durch die nationalsozialistische Führung.

Um den inhaltlich anstrengenden Tag etwas leichter ausklingen zu lassen, fuhr die Gruppe weiter nach Potsdam und spazierte dort zwischen Neuem Palais und Sanssouci durch den wunderschönen Schlosspark, vorbei am Brandenburger Tor, und genoss einen lauen Abend in der beschaulichen Innenstadt von Potsdam.

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Der nächste Tag führte die Klasse 10c am Vormittag in den Hamburger Bahnhof, das Museum für Gegenwartskunst. Dort untersuchten die Schüler, angeleitet von einer Museumspädagogin, selbstständig einige Bilder aus der Ausstellung "Die schwarzen Jahre:1933-1945", die Bilder der sogenannten "entarteten Kunst" zeigte, wie auch solche, die die Nazis ausstellen ließen. Die Schüler erkannten und erläuterten an diesen selbstgewählten Beispielen Tendenzen, aber auch Widersprüche der nationalsozialistischen Kulturpolitik.

Am Nachmittag stand dann der Besuch des Bundesrats an. Vorher besuchte die Klasse aber noch die Dauerausstellung "Topographie des Terrors", die sich in unmittelbarer Nähe des Bundesrats befindet. Hier wählten die Schüler eigene Schwerpunkte, da die Zeit auf eine Stunde begrenzt war. Im Bundesrat folgte nach einer kurzen Einführung in die Geschichte des Hauses ein Planspiel unter der Fragestellung: Soll begleitetes Fahren ab 16 Jahren möglich sein? Die Schüler übernahmen ihre Positionen als Vertreter der einzelnen Bundesländer, der Bundesregierung und des Bundesratsvorsitzenden und erlebten so selbst das Gesetzgebungsverfahren im Bundesrat. Trotz der nicht immer ganz einfachen Regeln lief das Planspiel vor allem aufgrund der engagierten Mitarbeit der Schüler reibungslos ab und am Ende stand ein Gesetzesvorschlag, dem die meisten Vertreter der Länder zustimmen konnten. Mittlerweile entluden sich sintflutartige Regenfälle über Berlin, so dass die Gruppe froh war, im Konferenzraum im Trockenen zu sitzen.

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Aber irgendwann musste man das schützende Gebäude verlassen und alle begaben sich bei strömendem Regen auf die Friedrichstraße, machten von dort einen Abstecher über den Gendarmenmarkt, der bei Starkregen nicht ganz so schön ist wie bei Sonnenschein, und marschierten zurück über die Friedrichstraße zum "Tränenpalast". Mittlerweile hatte der Regen nachgelassen und die ersten Whatsapp-Nachrichten, dass manche Schüler aus anderen Klassen schon frei hatten, senkte bei vielen die Bereitschaft, sich auf diesen - an sich sehr interessanten und bewegenden - Übergang, der für die Bürger aus Ost- und West-Berlin immer wieder Abschied bedeutete, einzulassen. Da die Gedenkstätte aber schon bald ihre Pforten schloss, wurden die Schüler nach relativ kurzer Verweildauer entlassen.

Der letzte Tag brachte nach dem Verlassen der Jugendherberge noch einen Rundgang durch das Regierungsviertel, der am Reichstag endete. Hier hatten wir dieses Jahr aufgrund von Reinigungsarbeiten in der Kuppel leider nur die Gelegenheit, auf die Dachterrasse zu fahren und von dort die spektakuläre Aussicht über Berlin - jetzt wieder bei Sonnenschein- zu genießen. Nach dieser relativ kurzen Stippvisite nutzten wir noch die Zeit für einen Besuch des Mahnmals für die ermordeten Sinti und Roma, bevor wir endlich vor dem Brandenburger Tor standen und uns Zeit für die typischen Touristenfotos nahmen. Abschluss des offiziellen Programms bildete das Stelenfeld, das an die Ermordung der Juden im 3. Reich erinnert. Die verbleibenden 2 1/2 Stunden wurden noch ausgiebig zum Shoppen am Alexanderplatz genutzt, wo sich für manche die wahren Sehenswürdigkeiten Berlins, nämlich ein Bekleidungsgeschäft neben dem anderen, befanden. Aber dafür sollten 2 1/2 Stunden auch genügen. Die Rückfahrt verlief problemlos und sehr ruhig, und so waren wir bereits um 21.30 Uhr zurück am AMG. Ein Kompliment an die 123 Schüler, die sich größtenteils vorbildlich benahmen, so dass es zu keinerlei nennenswerten Zwischenfällen kam. Ein großer Dank geht an meine Kollegen, die bereit waren, am Ende eines anstrengenden Schuljahres diese Studienfahrt, die bei vielen Schülern sicher noch lange nachwirken wird, zu begleiten und zu gestalten.

Kerstin Stöckel