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Die meisten von uns hatten wohl eine große, Angst einflößende Einrichtung mit dunklen Kellern, Folterkammern und dem Geruch von Verwesung und Grausamkeit erwartet, was nach allem, das wir über den Nationalsozialismus und den Holocaust sowohl im Unterricht als auch von einem Zeitzeugen erfahren hatten, sicher keine abwegige Vorstellung war. Umso überraschter waren wir, als wir bei der Ankunft in Flossenbürg vor uns nur einen riesigen, mit schwarzen Granitsteinen gepflasterten Platz sahen, auf dem ein schlichtes Haupthaus stand, heute ein Verwaltungsgebäude, und dahinter sich links und rechts jeweils zwei kleinere, längliche Hütten befanden, die ehemalige Wäscherei und Küche, heute zwei Ausstellungszentren.


Haeftlingsbereich

Unsere Führerin teilte Blätter aus, auf deren Vorder- und Rückseite der heutige und der vorherige Grundrissplan miteinander verglichen wurden, und man sah sofort: Viel war nicht erhalten. Die Stellen, an denen die Baracken gestanden hatten, in denen die Häftlinge untergebracht waren, sind nur noch von Grenzsteinen markiert, um nachzustellen, wieviel Platz diese eingenommen hatten. Der Zeitzeuge, der uns im selben Schuljahr besucht und von seinen Erlebnissen in Flossenbürg erzählt hatte, berichtete von den unmenschlichen Bedingungen in den Baracken: Bis zu vier Personen hatten sich ein Bett teilen müssen und wenn nachts jemand aufgrund der täglichen körperlichen Überanstrengung und Misshandlungen im Schlaf gestorben war, hörte man den dumpfen Aufschlag seines leblosen Körpers auf den kalten Steinboden, und man fragte sich, ob man den nächsten Tag noch überleben werde, denn dass sie alle dazu bestimmt waren, in dem Lager zu sterben, hatte man den Insassen von Anfang an erklärt.

Im Laufe der Führung wurde allen klar, dass die Massenvernichtung in Flossenbürg nicht nach dem "üblichen" Muster in Form von Vergasung wie in Auschwitz vollstreckt wurde, sondern dass dies eher einem sogenannten Arbeitslager glich. Direkt neben dem Konzentrationslager befand und befindet sich auch heute noch ein Steinbruch, in den man die Menschen schickte, damit sie dort härteste Arbeit leisteten und sich vollends verausgabten, um Stück für Stück dem Tod näher zu rücken, weil ihre Kraft aufgebraucht und ihre Körper ausgelaugt und ausgehungert waren.

Steinbruch

Ein anderer Zweck der Arbeiten war die Herstellung von neuen Waffen für den Krieg, die in den Messerschmitt-Werken von den Gefangenen produziert wurden. Dass bei der Herstellung der Waffen zahlreiche Inhaftierte ihr Leben ließen, war von Hitlers Terrorregime gewollt, denn auch tagsüber gab es vor allem im Steinbruch viele Tote, zumal sie die Arbeitenden zu allen Jahreszeiten ohne jeglichen Schutz für Kopf oder Körper auf den Baustellen einsetzten. Das Schlimmste für die Häftlinge war wohl auch der Verlust ihrer eigenen Identität: der Wertverlust eines einzelnen Menschenlebens und die Kategorisierung und Entpersonalisierung der Gefangenen. Wenn Menschen so zahlreich ermordet werden, geht das Interesse am Einzelschicksal verloren. Das NS-Regime verlangte von den zuständigen SS-Offizieren, den Gefangenen gleich zu Anfang eine Seriennummer zuzuteilen und sie in Bücher und Listen einzutragen, von denen noch fast alle erhalten sind. Wenn ein neuer Insasse also eine Nummer bekommen hatte, war das seine neue Identität und jeder Einzelne musste diese Nummer, als ob sie sein Name wäre, jederzeit parat haben. Man hat sie damit erneut gedemütigt und entwürdigt, nahm ihnen Charakter und Persönlichkeit. Es war nicht wichtig, wer man war, vielmehr zählte, wofür man gebraucht wurde und wie man am schnellsten zu Grunde gerichtet wurde. Wenn das dann erreicht war, lud man die unzähligen Leichen zuletzt wie wertlosen Abfall im Krematorium ab, verbrannte sie, damit sie nicht im Weg waren und schüttete die Asche achtlos in den Wald.

Das Krematorium war die letzte Station unserer Führung und sorgte zum Schluss noch einmal für Entsetzen: Es bestand hauptsächlich aus zwei Räumen, die zur Verbrennung der Leichen dienten. In einem befand sich ein massiver, breiter Steintisch, auf dem die Leichen vor allem im Mund seziert worden sein sollen, weil man wertvolle Dinge wie beispielsweise einen Goldzahn nicht verbrennen wollte. Am Tischende befand sich ein Abfluss und an einigen Stellen war vertrocknetes Blut zu erkennen. Im zweiten Raum stand der riesige, verschmutzte Ofen, innen mit Stein ausgekleidet und davor eine Kerze, die ein bisschen Licht an diesen dunklen Ort brachte und zum Gedenken an die Opfer diente, denn bei dem Gedanken, dass in diesem Ofen Menschen verbrannt worden waren, als ob sie keinen Wert und kein Recht zu leben gehabt hätten, lief es doch allen eiskalt den Rücken hinunter. Um all das herum war ein eindrucksvoller Friedhof mit Säulen, Denkmälern und Inschriften entstanden, der die Gestorbenen ehrt und dazu beiträgt, dass sie niemals vergessen werden.

Grotesk war, dass neben dem ehemaligen KZ ein wunderschönes, idyllisches Wäldchen lag, durch dessen Kronen Sonnenstrahlen funkelten, und dass die ganze Natur zu blühen und zu leuchten schien, als ob an diesem Ort nie ein so grausames Vergehen an der Menschheit stattgefunden hätte. Diese beiden Bilder unmittelbar nebeneinander, der verstörende Massenmord und die perfekte Natur, erzeugten eine melancholische und bizarre Stimmung, sodass das Ganze unwirklich und noch erschreckender als vorher wirkte. Es zeigt bedauernswerterweise auch, dass die schlimmsten Dinge oft unbemerkt neben den schönsten Naturerscheinungen passieren können.

Obwohl die Zeit drängte, war es für alle sehr wichtig, sich den Koffer anzusehen, den unser Zeitzeuge Leszek Zukowski bei der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg 1945 gegen Nahrungsmittel und Zigaretten eingetauscht und dann, nachdem er Jahre später zum ersten Mal wieder dort gewesen war, an die Gedenkstätte gespendet hatte. Wir fanden ihn und waren erneut gerührt von dieser bewundernswerten Geste.

Niemand ging an diesem Tag nach Hause, ohne noch einmal über die Ereignisse und Erzählungen nachzudenken, aber vielleicht bedeutet "sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen" mehr, als nur darüber nachzudenken und entsetzt zu sein. Ich glaube, wenn man die Geschichte wirklich "aufrollen" und sich damit konfrontieren möchte, muss man sich zuerst öffnen und Gefühle zulassen, die mit diesem Thema verbunden sind. Nur wenn ich die Scham zulasse, die mich überkommt bei dem Gedanken daran, dass die Menschen, die eine solche Sünde begangen haben, aus derselben Nation stammen wie ich, dass sie Menschen sind genau wie ich oder dass es immer wieder solche Menschen geben wird, nur wenn ich die Angst zulasse, die Angst davor, genauso zu sein, nur dann kann ich erkennen, wie wichtig es wirklich ist, dieses Wissen stets in mir zu tragen und weiterzugeben, um zu verhindern, dass sich solche Geschehnisse wiederholen. Es liegt in den Händen der jüngsten Generation, weiterzumachen und aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen.

Fiona Pecherski (9a)