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Am Donnerstag, den 18.3., hatten der Wahlkurs "Politik und Zeitgeschichte" und das W-Seminar "Populismus" die Gelegenheit die ZEIT-online Redaktion über ein Zoom Meeting zu besuchen. Da gerade für den Politik und Zeitgeschichte Kurs interessante Exkursionen "vor Ort"“ zurzeit praktisch unmöglich sind, war das eine ideale Gelegenheit um wenigstens online einen "politischen Ort" zu erkunden.

Den Fragen der Schüler stellten sich die Nahost-Korrespondentin Lea Frehse, die in Beirut lebt, und der Redaktionschef des Investigativressorts Holger Stark, der auch einer der Chefredakteure der ZEIT ist. Zunächst präsentierten sich die beiden Journalisten den Schülern und beantworteten Fragen, die diese im Chat stellen konnten bzw. die – wie von unserer Gruppe – schon vorab gestellt worden waren. Die Moderatorin des Abends, Deborah Schnitzler, führte engagiert und temperamentvoll durch eineinhalb Stunden, die wie im Flug vergingen.

Zunächst gingen Herr Stark und Frau Frehse auf Fragen zum beruflichen Spektrum eines Journalisten ein und beeindruckten die Teilnehmer des Treffens durch ihr bescheidenes und sympathisches Auftreten. Beide hoben die Vielfältigkeit ihrer Tätigkeit hervor. So erläuterte Lea Frehse, dass sie im Nahen Osten manchmal an einem Tag am Vormittag in einem palästinensischen Flüchtlingslager wäre, am Nachmittag orthodoxe Juden treffe und am Abend an einer Pressekonferenz von Angela Merkel während eines Staatsbesuchs in Israel teilnehme.

Beide erklärten, dass sie hin und wieder auch auf internationale journalistische Netzwerke angewiesen wären, weil man manche Stories gar nicht mit einer einzigen Redaktion recherchieren könnte. So erzählte Herr Stark vom Fall eines in Mexiko ermordeten Journalisten, der Opfer eines Drogen-Kartells wurde, und dessen Fall nur mit Hilfe weltweiter Recherche-Netzwerke aufgeklärt werden konnte. Sein gefährlichstes Erlebnis als ZEIT-Journalist war ein Interview in der Türkei mit einem IS-Terroristen, das plötzlich von der türkischen Polizei gesprengt wurde, und er selbst dabei kurzfristig auch verhaftet wurde. In diesem Zusammenhang erklärte er, dass der Zeugen- bzw. Quellenschutz das höchste Gut im Journalismus sei, und dass sie niemals Personen oder ihre Quellen preisgeben würden. Deshalb würde man auch bei sensiblen Treffen kein Telefon verwenden, um so nicht nachverfolgt werden zu können. Auf die Frage nach Fake-News bzw. Fake-Infos erklärt der Redakteur, dass eine Quelle immer gegen gecheckt werde und man mindestens zwei brauche um seriösen Journalismus zu betreiben. Wenn man als Journalist bei einer Wochenzeitung wie der ZEIT arbeite, müsse man auch nicht immer "Erster" sein, sondern hätte den Vorteil, dass man sehr gründlich recherchieren könne. Die größte und wichtigste Story im Journalistenleben von Holger Stark war die Aufdeckung der NSA-Abhöraffäre: Er und sein Team hatten den Beweis erbracht, dass der amerikanische Geheimdienst das Handy von Angela Merkel abgehört hatte. Mit dieser Geschichte hätte er sogar Barack Obama einige schlaflose Nächte beschert, wie ihm dieser später in einem Interview gestand.

Auf Nachfrage erklären beide, dass die Corona-Pandemie eine große Auswirkung auf die Arbeit der Journalisten hat, man müsse sich gut überlegen, welche Recherche-Termine man noch wahrnehme, vor allem wenn nach "Auslandseinsätzen" immer die Quarantäne anstünde. Aus diesem Grund hatte sich die Nahost-Korrespondentin Lea Frehse auch dafür entschieden, während der Pandemie in Beirut zu bleiben, um den Blick nach außen weiterhin zu ermöglichen. Auch sie berichtet von vielen sehr aufregenden und auch berührenden Erlebnissen gerade im Zusammenhang mit dem Bürgerkrieg in Syrien. Auf die Frage, welche Gefahrensituationen sie im Nahen Osten als junge Frau erlebt hätte, erklärt sie, dass die größte Gefahr für sie persönlich von Mächtigen vor Ort ausgegangen wäre, während sie niemals in einem Slum bedroht worden wäre. Auch wenn die Zeitung über regelmäßige Kontaktaufnahme versuche ihre Korrespondenten zu schützen, müsse sie doch häufig ihre Sicherheit und vielleicht auch ihr Leben in die Hände von völlig fremden Personen geben und diesen auch vertrauen.

Zum Abschluss versichern beide Journalisten, dass sie diesen Beruf jederzeit wieder ergreifen würden, aber dass er natürlich auch aus harter und manchmal gar nicht so spannender Schreibtischrecherche bestehe, aber dass es eben auch Momente gäbe, in denen man Teil von Geschichte würde.

Kerstin Stöckel (Wahlkurs Politik und Zeitgeschichte)