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In Deutschland ist Neuseeland in erster Linie als (Fern-)Urlaubsland bekannt. Die Touristen kommen vor allem aufgrund der außergewöhnlichen Natur, die auf extremer Weitläufigkeit und sehr dünner Besiedelung basiert. Zum Beispiel ist das Land ca. 1400 km von Norden nach Süden ausgedehnt, bei etwa 4,8 Millionen Einwohnern. Doch trotz dieser dünnen Besiedelung und wenigen Einwohnern ist das Schulsystem extrem gut – und unterscheidet sich in vielen Punkten vom deutschen oder von anderen europäischen Systemen. Ich ging in Christchurch in Neuseeland von Januar bis April 2020 zur Schule – und war ziemlich beeindruckt von einigen Unterschieden zum deutschen Schulsystem. Denn in Neuseeland werden manche Themen anders gelöst oder auch anders betrachtet. Die Auswirkungen sind oft erstaunlich.

Zuerst das allgemeine Schulsystem: Wie in Deutschland auch, ist die Schule aufgeteilt in eine Grundschule (Klasse 1-8 / ca. 4-12 Jahre) und die weiterführende Schule (Klassen 9-13 / 12-17 Jahre). In vielen Fällen ist die Grundschule aber mit der weiterführenden Schule zusammengelegt; dadurch entstehen sehr große Schulen.

Außerdem sind die Schulzeiten anders, d.h. der Beginn und das Ende des Unterrichts. Die Schule dauert von 8.30 Uhr bis ca. 15.30 Uhr, mit einer Pause vormittags und einer längeren Mittagspause. Außerdem hat eine Schulstunde 60 statt 45 Minuten. Somit hat man maximal sechs verschiedene Fächer an einem Tag, dafür gibt das den Lehrern mehr Zeit den behandelten Unterrichtsstoff zu intensivieren und zu vertiefen. Allgemein gibt es in Neuseeland einen anderen Lernansatz als in Deutschland: Man versucht, eher wenige Themen zu behandeln, dafür aber sehr intensiv und mit viel Zeit. Das erschafft eine sehr entspannte Lernatmosphäre, denn Zeitdruck ist eher weniger vorhanden. Die Hauptauffälligkeit ist aber die sehr intensive Einübung der gelernten Inhalte. Dazu werden verschiedenste Mittel genutzt, das Spektrum reicht von normalen Arbeitsheften und Aufgaben bis hin zu Online-Quizzen und digitalen Lernsystemen. Das Ganze geht sogar so weit, dass man irgendwann das Gefühl bekommt, bei der zehnten Wiederholung den Stoff vollkommen auswendig zu können. Der Vorteil darin ist natürlich, dass wirklich alle Schüler den Stoff zu (fast) hundert Prozent beherrschen. Auch ich habe persönlich stark davon profitiert. Ich kannte mich am Anfang noch nicht mit allen englischen Fachbegriffen aus – durch das intensive Wiederholen war das nach kurzer Zeit aber auch für mich kein Problem mehr. Das ist ein großer Unterschied zu Deutschland. Es wird also darauf Wert gelegt, den Schülern wichtigen Stoff gezielt beizubringen. Der Nachteil daran: Es muss auf manche Themen im Unterricht verzichtet werden. Das wird aber durch eine 13-jährige Schulzeit weitgehend ausgeglichen. Insgesamt ist der Stoffumfang aber geringer als im bayerischen G9.

Der wichtigste Punkt ist aber der sehr hohe Digitalisierungsgrad des neuseeländischen Schulsystems. Ein Beispiel: In den Klassenräumen gibt es zwar noch Tafeln, aber sie werden so gut wie nie benutzt. Denn der gesamte Unterricht wird mit Microsoft OneNote und Teams am Computer der Lehrer gestaltet. Dies wird dann auf einem Whiteboard anzeigt. Es ist wichtig, im Unterricht einen Laptop dabei zu haben, da man sonst den Aufgaben schlecht folgen kann – diese werden nämlich ebenfalls via OneNote gestellt und dort auch hochgeladen. Dies wird ermöglicht, indem für jeden Schüler ein Microsoft-Schulkonto mit allen MC-Tools genutzt wird. Das ist insofern sehr interessant, weil der gesamte Unterricht, ohne sich groß umstellen zu müssen, einfach digital weitergeführt werden kann. Da die neuseeländische Regierung recht schnell auf die Corona-Pandemie reagiert hat, verbrachte ich meine letzten Wochen in Neuseeland im Lockdown. Doch für den Unterricht war das keineswegs ein Nachteil wie in Deutschland – dank bereits existierender Lernplattformen und Schulaccounts konnten Hausaufgaben problemlos digital gestellt und abgefragt werden. Selbst schulaufgabenähnliche Leistungserhebungen wurden digital gestellt. Das führte sogar zu einer Leistungsverbesserung, da es Schüler und Lehrer gewohnt waren, ihre Tests und Projekte auf MC OneNote hochzuladen. Wegen des Lockdowns hatten sie mehr Zeit zum Lernen. Diese Übersichtlichkeit und Effizienz des digitalisierten Unterrichts hat mich schwer beeindruckt. Nach der Zeit in Neuseeland war es für mich erst schwer, sich an ein vergleichsweise wenig fortgeschrittenes System wie Mebis wieder zu gewöhnen.

Wichtig ist ebenfalls der Zugang zu Digitalgeräten: Wer keinen Laptop hat, bekommt von der Schule einen gestellt. Diesen darf man für Heimarbeit auch mit nach Hause nehmen. Das ist nicht nur in den oberen Klassenstufen so, sondern beginnt mit vier Jahren in der 1. Klasse der Grundschule! Hier gibt es in Deutschland klaren Nachholbedarf. Neuseeland gehört nicht zu den reichsten Ländern, trotzdem tätigt es sehr hohe Investitionen in sein Schulsystem. Die Auswirkungen liegen auf der Hand – denn Bildung ist die beste Zukunftsinvestition.

Neuseeland1

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Neuseeland3

Philipp Beckhove